Warum wir weniger Ratschläge brauchen

Warum wir weniger Ratschläge brauchen

„Guter Rat ist teuer“ heißt es gemein hin. Doch stimmt das wirklich? Ist es nicht eher so, dass man oft sehr schnell Ratschläge erhält, wenn man sich vor einer schwierigen Entscheidung befindet? Auch das Internet ist voll mit Artikeln und Beiträgen, welche schnelle Antworten versprechen. Meistens mit einer knackigen Überschrift der Marke „Vier Tipps, wie Sie ……“.

 

 

Doch sind diese Ratschläge wirklich hilfreich? Gibt es die einfachen Antworten auf komplexe Fragen?

 

 

Ich bin der Überzeugung, dass dem (meist) nicht so ist. Nun ließe sich natürlich einwenden, dass das Sprichwort besagt, dass guter Rat teuer ist. Und in der Tat, viele Unternehmen geben eine Menge Geld für externe Berater aus. Ist dieser Rat nun aber der bessere?

 

Auch hier hege ich meine Zweifel. Die Frage ist doch: „Warum sollte jemand von außen, meine Situation besser kennen und verstehen, als ich selbst?“ Ich bin überzeugt, dass es nicht nur eine Frage der Qualität ist, sondern dass wir insgesamt viel weniger Ratschläge brauchen.

 

 

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen es absolut sinnvoll ist sich Rat einzuholen. Wenn ich zum Beispiel wenig Ahnung vom Steuerrecht habe, gehe ich zu einem Steuerberater. Wenn es darum geht eine Marktanalyse eines unbekannten Marktes zu erstellen, frage ich jemanden, der diesen Markt kennt. Hierbei geht es vor allem um ein Informations- bzw. Wissensdefizit.

 

Doch wie sieht es bei Entscheidungen aus, die ich im privaten wie beruflichen Bereich treffen „muss“. Zum Beispiel bei Organisationsprozessen in einer Firma oder bei Fragen der persönlichen Lebensführung?

 

 

Ich denke, dass Ratschläge hier häufig nicht zum gewünschten Ziel führen. Es geht im Gegenteil sogar ein Risiko von solchen Ratschlägen aus. Ich laufe nämlich schnell Gefahr, die Verantwortung für eine Entscheidung abzugeben und mich hinterher darauf zu berufen, dass der Ratschlag von außen kam. Psychologisch mag dieser Reflex nachvollziehbar sein und Sinn machen. Denn wer eigene Entscheidungen trifft, riskiert für diese zur Verantwortung gezogen zu werden.

 

 

Doch hier kommt die gute Nachricht. Entscheidungen, die selber getroffen wurden und aus einer guten Analyse der eigenen Bedürfnisse und Ressourcen erfolgen, sind meist nicht nur nachhaltiger, sondern auch fundierter. Kein externer Ratgeber kann besser wissen, was in dir oder deiner Firma vorgeht und welche Anforderungen du oder deine Organisation haben. Komplexe Fragen lassen sich meist nicht durch einfache Antworten lösen.

 

Genau hier setzen systemische Verfahren wie die Mediation oder Coaching an. Es geht nicht darum, vorgefertigte one-size-fits-all-Lösungen zu präsentieren, sondern dabei zu unterstützen die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu artikulieren und hieraus Lösungen zu entwickeln, die für den ganz konkreten Fall passen. Systemiker halten sich hierbei meist ganz bewusst mit Ratschlägen zurück, da sie nicht davon ausgehen, dass sie mehr über die Situation wissen als der Betroffene.

 

So werden Lösungen möglich, die alle Faktoren einbeziehen, der Komplexität der Situation gerecht werden und eigenverantwortliche Entscheidungen ermöglichen.

 

 

Erfordert das Einlassen auf ein solches Verfahren Mut? Ganz sicher, denn schließlich lässt sich die Verantwortung hierbei nicht abgeben und ein klares Bekenntnis zur (selbst) gefundenen Lösung ist von Nöten. Im Gegenzug bleibt aber das Gefühl von Selbstbestimmtheit und eigener Lösungskompetenz.

 

 

In diesem Sinne: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Immanuel Kant).

 

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